WAZ, 8.1.2014

 

Musik hat immer weniger Platz im Leben

In der Musikschule Heiligenhaus erlernen 760 Schüler 20 verschiedene Instrumente. Der Alltagsstress schränkt den Freiraum der Musik aber immer weiter ein.


Kein Ton dringt durch die Flure der Heiligenhauser Musikschule. Eine ungewohnte Stille liegt an diesem Morgen über dem Gebäude – gerade zu ironisch, wenn es doch eigentlich eine Geschichte über den Klang des Lebens werden soll. Auch in Claudia Kraußes Büro ist es mucksmäuschenstill. Die Musikschulleiterin sitzt an ihrem Schreibtisch, als ein fürchterliches Gepolter über sie herein bricht. „Das sind die Musikflöhe“, sagt Krauße mit einem Schmunzeln, „wenn sie hüpfen, wird es schon mal etwas lauter hier unten.“ Denn obwohl die Menschen immer weniger Freizeit haben, nutzen sie gern den musikalischen Ausgleich zum Alltagsstress.

Kein absolutes Gehör nötig

Den Klang der Musikschule hat wohl jeder Heiligenhauser schon einmal in seinem Leben gehört. Ob als kleiner Chor auf der Stadtfestbühne oder als riesiges Ensemble in der Aula – die Musikschüler entführen ihre Zuhörer immer wieder in die facettenreiche Welt der Töne. Und bei rund zwanzig verschiedenen Instrumenten bekommen Konzertbesucher ganz schön was auf die Ohren.
Das Gehör spielt nicht nur beim entspannten Genießen im Zuschauerraum, sondern auch bei den Musikern selbst eine wichtige Rolle. Claudia Krauße zum Beispiel lauscht dem Spiel ihrer Schüler ganz genau, um Ausrutscher auf der Tonleiter aufzuspüren. Allerdings braucht selbst die Musikschulleiterin einen Bezugston, um andere genau einordnen zu können. Menschen mit einem absoluten Gehör brauchen dies nicht. „Es wird vermutet, dass es auch etwas mit der Muttersprache zu tun hat. In China gibt es zum Beispiel überdurchschnittliche viele Menschen mit diesem Gehör, weil auch in der Sprache verschiedene Tonhöhen eine Rolle spielen“, so Krauße. Eine Oktave zu tief, und schon hat das Wort eine völlig andere Bedeutung.

Jedoch ist so ein Tonhöhengedächtnis nicht nötig, um ein Instrument später einmal perfekt beherrschen zu können. „Es hilft mir nämlich auch nicht dabei zu wissen, wo auf der Gitarre ich meine Finger hin setzen muss, um den richtigen Ton zu greifen“, weiß Krauße. Diese Fingerfertigkeit muss sich jeder Heiligenhauser Nachwuchsmusiker erst mal in vielen Übungsstunden aneignen.

Kinder lernen dabei zwar nicht schneller als Erwachsene, aber freier. Die Großen stehen sich oftmals nämlich selbst im Weg. „Sie machen sich zu viel Druck und zu viele Gedanken über sich selbst.“ Kinder spielen einfach.

Druck gibt es aber nicht nur vom eigenen Alter ego, sondern auch von der Gesellschaft. Selbst Schüler sitzen mittlerweile so lange im Klassenraum wie manch Erwachsener im Büro. Kaum jemand habe noch Lust, auf seinem Instrument zu üben, wenn er um 18 Uhr aus der Schule komme und noch Hausaufgaben zu erledigen habe. „Musik hat immer weniger Platz im Leben der Menschen. Dabei sollte man sich in seiner Freizeit doch mit dem beschäftigen können, was einem Spaß macht.“ Trotz Alltagsstress flüchten nach der Arbeit oder der Schule immer noch knapp 760 Heiligenhauser in die Welt der Klänge.

Kirsten Gnoth